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Gedanken zur Erbschaftsteuer

  • Writer: Paula Schwarz
    Paula Schwarz
  • 4 days ago
  • 5 min read

Grundsätzlich halte ich es für richtig, dass sehr große Vermögen einen substantiellen Beitrag zum Gemeinwohl leisten. Deutschland hat eine hohe Ungleichheit bei Vermögen, und Erbschaften spielen dabei eine zentrale Rolle. Insofern ist die Frage einer Reform der Erbschaftsteuer legitim und notwendig.

 

Gleichzeitig müssen wir ehrlich über die Nebenwirkungen sprechen. Deutschland hat bereits heute im internationalen Vergleich sehr hohe Steuer- und Abgabenlasten. In der Praxis führt das dazu, dass viele vermögende Menschen versuchen, ihr Vermögen zu verlagern, sich steuerlich zu entziehen oder bewusst unsichtbar zu machen. Das Ergebnis ist paradox: Statt mehr Transparenz und Beteiligung entsteht Angst, Schweigen und Kapitalflucht.

 

Viele Menschen mit Vermögen haben das Gefühl, dass sie bereits sehr viel beitragen, ohne dass zentrale staatliche Systeme entsprechend funktionieren. Bahn, Verkehr, Gesundheitssystem und Bildung stehen trotz hoher Einnahmen unter enormem Druck. Diese Diskrepanz untergräbt Vertrauen. Wenn der Eindruck entsteht, dass zusätzliche Belastungen nicht zu besserer öffentlicher Leistung führen, wächst die Ablehnung – selbst bei Menschen, die grundsätzlich solidarisch eingestellt sind.

 

Es gibt positive Gegenbeispiele: Unternehmer wie der Eigentümer von Lidl, der massiv in seine Heimatregion Heilbronn investiert, zeigen, wie privates Vermögen lokal, sichtbar und langfristig wirksam eingesetzt werden kann. Dieses Engagement ist außerordentlich wertvoll. Aber genau das zeigt auch das strukturelle Problem: Solche Investitionen geschehen häufig freiwillig und aus persönlicher Verantwortung heraus – nicht, weil das System sie sinnvoll lenkt oder anerkennt.

 

Gerade Führungskräfte und Unternehmerinnen empfinden die aktuelle Debatte oft als pauschalisierend. Es entsteht das Gefühl, unabhängig vom tatsächlichen Engagement immer weiter als reine Finanzierungsquelle betrachtet zu werden. Das ist aus meiner Sicht gefährlich, weil es Gestaltungsmotivation zerstört.

 

Was große Unternehmen und familiengeführte Betriebe betrifft, halte ich pauschale Erhöhungen der Erbschaftsteuer für problematisch. Unternehmen sind keine liquiden Vermögen. Eine zu starke Besteuerung beim Übergang kann Investitionen, Innovation und Arbeitsplätze gefährden. Hier braucht es sehr differenzierte Regelungen, die zwischen reinem Privatvermögen und produktiv gebundenem Kapital unterscheiden.

 

Zur Kritik, eine stärkere Erbschaftsbesteuerung sei leistungsfeindlich: Leistung entsteht nicht nur durch Besteuerung oder Umverteilung, sondern durch Rahmenbedingungen, die Verantwortung, Investitionen und gesellschaftliches Engagement fördern. Ein System, das Menschen dazu bringt, ihr Vermögen zu verstecken oder das Land zu verlassen, ist am Ende weder leistungsfreundlich noch sozial.

 

Ich habe mich entschieden, offen über Vermögen zu sprechen, weil genau diese Unsichtbarkeit Teil des Problems ist. Wenn Reichtum tabuisiert wird, können wir ihn auch nicht sinnvoll gestalten. Mein Ziel ist nicht, Steuern grundsätzlich abzulehnen, sondern eine ehrlichere Debatte darüber zu führen, wie Vermögen so eingesetzt werden kann, dass es Innovation, gesellschaftlichen Zusammenhalt und Zukunftsfähigkeit stärkt.

 

Ich glaube, wir brauchen einen Neustart: weniger reine Straflogik, mehr Anreiz zur Sichtbarkeit, Verantwortung und aktiven Beteiligung. Nur so entsteht ein System, in dem Menschen mit Vermögen nicht fliehen, sondern bleiben, investieren und sich einbringen.


Ich spreche über diese Themen nicht aus theoretischer Distanz, sondern aus eigener Erfahrung. Ich komme aus einem Umfeld, in dem Vermögen existiert, und ich habe mich sehr bewusst damit auseinandergesetzt, auf welchen Reichtum wir eigentlich hinarbeiten. Genau diese Frage steht im Zentrum meines Buches „Unbezahlbar“.


Was ich dabei gelernt habe, ist unbequem: Ein großer Teil dessen, was wir heute als Reichtum bezeichnen, ist in Wahrheit kein Reichtum im menschlichen oder gesellschaftlichen Sinne. Selbst viele Menschen an der Spitze klagen über Druck, Misstrauen, Angst und das Gefühl, permanent unter Rechtfertigungszwang zu stehen. Nur sagen sie es selten offen. Nicht, weil es ihnen so gut geht – sondern weil sie Angst haben, noch stärker angegangen zu werden.


In Gesprächen mit sehr vermögenden Menschen höre ich immer wieder dasselbe: Man wagt es kaum noch, öffentlich Verantwortung zu übernehmen oder neue Ideen einzubringen, weil jede Sichtbarkeit sofort mit Verdacht, Neid oder pauschaler Kritik beantwortet wird. Es herrscht das Gefühl, dass ohnehin „alle einem an den Kragen wollen“ – unabhängig davon, wie man sich verhält oder engagiert.


Das führt zu einer gefährlichen Dynamik: Innovation wird zerredet, neues Denken reflexhaft diskreditiert, und Menschen mit Gestaltungsspielraum ziehen sich zurück oder bleiben bewusst unsichtbar. Bewegungen wie „Don’t Look Rich“ sind Ausdruck genau dieser Angstkultur. Reichtum wird versteckt, nicht gestaltet. Schweigen ersetzt Verantwortung – nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Selbstschutz.


Vor diesem Hintergrund halte ich es für zu kurz gedacht, die Erbschaftssteuerdebatte ausschließlich über höhere Sätze zu führen. Natürlich müssen sehr große Vermögen zum Gemeinwohl beitragen. Aber wenn das System gleichzeitig Angst erzeugt, Sichtbarkeit bestraft und Engagement entwertet, verfehlt es sein Ziel.


Ich glaube nicht an ein Modell, das allein über Druck und moralische Zuschreibung funktioniert. Was wir brauchen, ist ein Umdenken: weg von einer reinen Straf- und Misstrauenslogik, hin zu einem System, das Transparenz, Verantwortung und Innovation ermöglicht – und anerkennt.


„Unbezahlbar“ ist genau aus diesem Spannungsfeld entstanden. Es geht um die Frage, welchen Wohlstand wir wirklich wollen: einen, der Menschen verstummen lässt – oder einen, der sie befähigt, mitzudenken, mitzuwirken und sichtbar Verantwortung zu übernehmen.


Wenn selbst diejenigen, die formal „oben“ stehen, das Gefühl haben, nichts mehr sagen zu dürfen, ohne angegriffen zu werden, dann ist das kein Zeichen von sozialer Gerechtigkeit, sondern von einem System, das sich selbst blockiert.


Deshalb plädiere ich für einen Neustart: eine Debatte, die nicht nur fragt, wie viel jemand zahlen soll, sondern auch, wie wir Reichtum so gestalten, dass er Innovation, Vertrauen und gesellschaftlichen Fortschritt ermöglicht – statt Angst und Stillstand zu produzieren.



Ich möchte sehr klar sagen: Ich will, dass Reiche zahlen. Aber ich glaube nicht, dass Zahlen allein genügt.


Neben einer finanziellen Beteiligung braucht es aus meiner Sicht auch eine Teilnahmepflicht: Vermögende sollten nicht nur Geld abgeben, sondern sich auch aktiv in Gremien einbringen, die sich mit den realen Herausforderungen lokaler Gemeinschaften beschäftigen. Diese Themen sollten basisdemokratisch gesammelt werden – aus Kommunen, Quartieren, Schulen, Pflegeeinrichtungen, von Alleinerziehenden, aus der Zivilgesellschaft selbst.


Ich plädiere dafür, Spezialfonds zu schaffen, die gezielt die Bedürfnisse der Bedürftigsten adressieren. Dazu gehört ausdrücklich auch eine Gruppe, die in der öffentlichen Debatte häufig unterrepräsentiert ist: verarmte alleinerziehende Mütter. Die Schattenquote ist hier hoch, die strukturelle Belastung enorm – und gleichzeitig fehlt es an direkter Mitsprache und wirksamer Unterstützung.


Deutschland hat mit der Einführung der Exit Tax bereits reagiert und das Verlassen des Landes finanziell verteuert. Das ist ein Signal – aber kein positives. Statt Menschen durch Druck zu halten, sollten wir anfangen, sie durch Verantwortung, Zugehörigkeit und echte Mitgestaltung zu binden. Nähe statt Distanz. Beteiligung statt Rückzug.


Ich bin überzeugt: Stimme, Präsenz und aktive Nutzung von Gestaltungsmöglichkeiten müssen Teil von Verantwortung sein – genauso wie finanzielle Beiträge. Reichtum bedeutet nicht nur Leistungsfähigkeit, sondern auch Verpflichtung zur Mitwirkung.


Genau das habe ich mit meinem Aufruf zu „unbezahlbaren Projekten“ bereits praktiziert. Ich habe mir selbst ein solches Gremium auferlegt, bringe Menschen aus unterschiedlichen Bereichen zusammen und spreche täglich mit engagierten, klugen und oft sehr belasteten Menschen, denen ich konkret helfen darf. Diese Gespräche sind für mich kein PR-Instrument, sondern gelebte Verantwortung.


Ich würde dieses Modell gerne gemeinsam mit mehr Menschen aus meinem Netzwerk weiterentwickeln und – perspektivisch – auch als gesetzliche Struktur einbringen. Nicht als Zwang von oben, sondern als verbindlichen Rahmen, der Nähe schafft und Verantwortung verteilt.


Bald werde ich auch bei der Linken in Olpe zu diesen Themen sprechen. Wer meine Ideen interessieren, ist herzlich eingeladen, dort mit mir ins Gespräch zu kommen. Ich glaube fest daran, dass ein echter Neustart nur gelingt, wenn wir Reichtum nicht länger verstecken oder bekämpfen, sondern ihn in Präsenz, Verantwortung und konkrete Wirkung übersetzen.


Mit freundlichen Grüßen,


Paula Schwarz

 
 
 

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